Am 20. Mai 2026 geschah etwas Unerwartetes: Embracer-Chef Lars Wingefors sucht aktiv nach Partnern für Deus Ex, TimeSplitters und andere schlafende Ikonen. Doch die Spieleindustrie ist ein Friedhof voller unvollendeter Träume. Kaum ein Konzern hat in den letzten Jahren mehr Studios geschlossen als die meisten Publisher je besessen haben – und Embracer steht an der Spitze dieser Liste. Deus Ex, TimeSplitters, Legacy of Kain, Saints Row – allesamt gefeierte Franchises, die unter dem schwedischen Mischkonzern entweder eingestampft, auf Eis gelegt oder mit Studios begraben wurden, die kaum Zeit zum Atmen hatten.
Ist Wingefors' offener Brief ein echter Neuanfang? Oder nur eine PR-Offensive, um die Wogen zu glätten, bevor die nächste Hiobsbotschaft kommt? Wir analysieren die Lage der totgesagten Marken – und was Spieler realistisch erwarten können.
Die Totgesagten – Eine Chronik des Niedergangs
Die Liste der Opfer unter Embracer liest sich wie ein Who's Who der Spielegeschichte. Beginnen wir mit Deus Ex und Legacy of Kain: Eidos-Montréal hatte zwei Jahre lang an einem neuen Deus Ex gearbeitet, bevor Embracer das Projekt 2024 cancelte. Das Studio wurde zum reinen Support-Studio degradiert – heute hilft es Microsoft bei Fable und Grounded 2. Über 100 Entwickler wurden entlassen. Auch ein Legacy of Kain-Reboot wurde eingestellt, ohne dass je ein offizielles Wort darüber verloren ging.
TimeSplitters erlitt ein noch grausameres Schicksal: Free Radical Design wurde im Dezember 2023 geschlossen, nur zwei Jahre nach seiner Neugründung. Ein geplanter Neustart der Serie wurde damit begraben, bevor er überhaupt richtig beginnen konnte.
Saints Row wiederum wurde zum Sündenbock für die gesamte Branche: Volition wurde 2023 nach dem Flop des Saints Row-Reboots (2022) geschlossen. Regisseur Chris Stockman erklärte die Serie im Februar 2026 für „tot“ und warf Embracer vor, „null Fähigkeit“ zur Wiederbelebung zu haben.
Die Wut der ursprünglichen Kreativen ist verständlich. Deus Ex-Hauptdarsteller Elias Toufexis nannte die Verantwortlichen schlicht „Psychopathen“. Solche Zitate sind keine Randnotizen – sie zeigen das tiefe Misstrauen, das zwischen den Machern und dem Konzern herrscht. Wenn selbst die Schöpfer einer Marke keine Hoffnung mehr haben, wie sollen es dann die Fans?

Der neue Kurs – Partnersuche statt Studio-Wildwuchs
Wingefors' Ankündigung ist bemerkenswert, weil sie eine strategische Kehrtwende signalisiert. Statt weiterer interner Neuentwicklungen setzt Embracer nun auf „externe Partnerschaften“ für schlafende IPs wie Thief, Red Faction und The Mask. Das bedeutet: Lizenzierung oder Co-Development, nicht Eigenproduktion.
Der Hintergrund ist klar. Nach dem Zusammenbruch des 2-Milliarden-Dollar-Deals mit der Savvy Games Group ist Embracer gezwungen, seine Schulden zu reduzieren und riskante Eigenentwicklungen zu vermeiden. Die großen AAA-Kronjuwelen – Tomb Raider, Herr der Ringe – wandern zur neu gegründeten Fellowship Entertainment, die 2027 an die Börse gehen soll. Embracer selbst bleibt mit den „kleineren“ IPs zurück. Genau jenen, die jetzt verpartnert werden sollen.
Doch der Realismus-Check fällt ernüchternd aus: Keine konkreten Spiele oder Deals wurden genannt. Frühestens 2027 ist mit ersten Ankündigungen zu rechnen. Embracer will ab dem Geschäftsjahr 2027/28 mindestens zwei Spiele pro Jahr veröffentlichen – aber ob darunter die totgesagten Marken sind, bleibt offen. Bis dahin wird sich zeigen, ob Wingefors' Worte mehr sind als leere Versprechungen.

Was wäre nötig für eine echte Wiederbelebung?
Selbst wenn Embracer einen Partner findet – die Hürden sind enorm. Für Deus Ex müsste ein externes Studio das Vertrauen der Hardcore-Fans zurückgewinnen, die durch den Abbruch von Eidos-Montréal schwer enttäuscht wurden. Ein neues Spiel müsste die immersive Sim-DNA verstehen – und das nötige Budget für eine AAA-Produktion mitbringen. TimeSplitters steht vor einem ähnlichen Problem: Der Humor und der Arcade-Shooter-Spirit der frühen 2000er sind schwer in die heutige Zeit zu übersetzen. Ein Indie-Studio mit Retro-Fokus wäre ideal, aber die Marke ist zu groß für ein reines Nischenprojekt.
Ein ermutigendes Beispiel ist das System Shock-Remake von Nightdive Studios – ein Nischenprojekt mit Leidenschaft, das zeigt, wie eine treue Fanbase und ein engagiertes Studio selbst eine totgeglaubte Marke zurückbringen können. Genau solche Partner bräuchte Embracer: Studios, die die DNA der Marke verstehen und nicht nur auf Kommerz setzen.
Saints Row ist vielleicht das schwierigste Pflaster. Nach dem gescheiterten Reboot ist die Marke verbrannt. Ein Neustart müsste radikal anders sein – vielleicht zurück zu den Wurzeln der Gang-Komödie, aber ohne die toxische Entwicklungsgeschichte von Volition. Das erfordert ein Studio mit Mut, aber auch mit einem Budget, das Embracer nicht bereitstellen will.
Ein Lichtblick ist die Rolle von Dark Horse Comics. Embracer will über eine neue IP-&-Licensing-Sparte TV- und Filmadaptionen vorantreiben. Das könnte helfen, Marken wie Legacy of Kain oder Thief in anderen Medien zu etablieren, bevor ein Spiel kommt. Vielleicht entsteht so eine Brücke, die später zu einem Game führt.
Licht und Schatten – Die Prioritäten von Embracer
Während die totgesagten IPs in der Schwebe hängen, investiert Embracer massiv in andere Projekte. Herr der Ringe (Open-World-RPG von Warhorse), Tomb Raider (zwei Spiele mit Amazon Game Studios), Dead Island 3 (erste Hälfte 2028), Metro 2039 (diesen Winter) – das sind die großen Brocken, die Embracer selbst finanzieren will. Diese Liste zeigt, wo die Prioritäten liegen: bei etablierten, kommerziell sicheren Marken.
Ein weiteres Warnsignal ist die Betonung von KI. Embracer erklärte, man setze auf „neue Technologien und KI“. Fans befürchten, dass Partner-Studios mit KI-generierten Inhalten arbeiten könnten, um Kosten zu sparen, statt handwerklich hochwertige Spiele zu liefern. Sollte dies der Fall sein, wäre das Vertrauen der Community endgültig verspielt.
Die Zeitachse ist ebenfalls kritisch. Der Split von Fellowship Entertainment soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein. Erst danach ist mit strategischer Klarheit zu rechnen. Bis dahin werden die totgesagten IPs in der Schwebe bleiben – und die Fans mit ihnen.
Embracers Ankündigung, externe Partner für Deus Ex, TimeSplitters und Co. zu suchen, ist ein erster Schritt – aber noch lange keine Garantie für eine Rückkehr. Die Wunden der Vergangenheit sitzen tief, und die betroffenen Kreativen haben kaum Vertrauen in den Konzern. Realistisch betrachtet ist 2027/28 der frühestmögliche Zeitpunkt für konkrete Projekte, und selbst dann hängt alles von der Qualität der Partner ab.
Bis dahin bleibt die Frage: Sind diese Marken nur schlafende Ikonen – oder bereits endgültig begraben? Die Antwort liegt nicht bei Embracer, sondern bei den Partnern, die bereit sind, das Risiko einzugehen.






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